Ein glühendes Bild der Schweiz

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PUBLIKATION ZÜRICHSEE-ZEITUNG, 19. JANUAR 2006
EIN GLÜHENDES BILD DER SCHWEIZ
EIN STÄDTEBAULICHES PORTRÄT VON ARCHITEKTEN

Die Schweizer Stararchitekten Jacques Herzog, Pierre de Meuron, Marcel Meili und Roger Diener haben sechs Jahre lang die Schweiz erforscht. Das von ihnen gezeichnete Bild ist einfach und komplex, bekannt und revolutionär zugleich.

Das neue Buch «Die Schweiz – ein städtebauliches Porträt» des ETH Studio Basel fordert auf, die Qualitäten und Chancen einer vollständig urbanisierten Schweiz zu entdecken. Ob in der Metropole Zürich oder einem Landstrich im Thurgau, immer prägen urbane Lebensmuster den Schweizer Raum; Stadt ist nicht nur dort, wo viele Häuser stehen, sondern überall, wenn auch an den meisten Orten (bis anhin) nur für wenige sichtbar.
Noch hat Urbanität in der Schweiz viele Gesichter: Die Autoren schlagen vor, die Differenzen unter den Regionen als Qualität zu verstehen und die Gestaltung der Schweiz – raumplanerisch, aber mehr noch politisch-mental – darauf auszurichten. Dies dürfte an manchem Selbstverständnis rütteln, gilt doch immer noch, dass allen Gleiches zusteht. Wollen aber alle ein Schwimmbad, eine Universität und viel Grün wird die Stadt provinzialisiert und das Dorf verstädtert: der Schweiz droht die Nivellierung. Dabei geht es nicht nur um einen immensen Verlust an Identität, sondern auch um die Gefährdung der Wettbewerbsfähigkeit im globalisierten Wirtschaftsraum. Es braucht ein neues Schweizbild in den Köpfen, mit den Worten der Autoren «eine Verstädterung der Seelen» (ZSZ 5.11.2005).

Urbane Potentiale
Die Idee, in alternativer Lehr- und Forschungstätigkeit eine neue Sicht auf die Schweiz zu entwickeln, entstand vor etwas mehr als sechs Jahren. 1999 gründeten die Architekten Jacques Herzog, Pierre de Meuron, Marcel Meili und Roger Diener das Studio Basel, einen externen Lehrstuhl der Architekturabteilung der ETH Zürich. Christian Schmid, Geograf und Mitautor, sorgt seit Beginn für die wissenschaftliche Betreuung der Arbeiten. Die Distanznahme zum Hönggerberg versprach thematische Freiräume: das Studio Basel begann als Garagenbetrieb und war eine eigentliche Piraterie innerhalb der Fachwelt. Dennoch wurde das Studio Basel 2002 zu einem Teil des NSL (Netzwerk Stadt Land), dem Nachfolgeinstitut des ORL (Orts-, Regional- und Landesplanung). Das Studio, das seither offiziell «Institut Stadt der Gegenwart» heisst, übernahm damit Verantwortung in der Schweizer Raumentwicklung. Diese haben die Architekten wahrgenommen, indem sie die Schweiz neu sehen wollten. Als Resultat liegt nun eine Publikation mit drei kleinformatigen Bänden, rund 1000 Seiten und einer «Thesenkarte» vor. Die Studie ist sowohl ein Bilderbuch als auch theoretisch-historischer Abriss und könnte sich so gleichsam als neues Schweizer Geografieschulbuch etablieren.
Das wichtigste Ergebnis der Arbeit ist der Versuch, das urbane Potential der Schweiz mittels fünf unterschiedlicher Typologien auszuloten. Sie umfassen das gesamte Schweizer Territorium: Metropolitanregionen, Städtenetze, Stille Zonen, Alpine Resorts und Alpine Brachen.
Als Metropolitanregionen werden urbane Zonen umrissen, welche über ein hohes Mass an internationalen Bezügen verfügen: jenseits der Verkehrsnetzwerke haben diese eine wirtschaftliche, kulturelle oder politische Dimension. Die Metropolitanregionen Zürich, Basel-Freiburg-Mulhouse und der Arc Lémanique verfügen über mindestens ein Zentrum und bilden ein Gefüge von Städten, Gemeinden und periurbanen Gebieten. Die Bewegungen der Gemeinden können fast nur noch als Reaktionen auf die Entwicklung der Region beschrieben werden, da sie Teil einer übergeordneten, ökonomischen Entität geworden sind.
Städtenetze werden aus kleinen und mittleren Städten gebildet, welche über eine dichte Verknüpfung verfügen. Auch wenn es keine abgeschlossene Cluster von städtischen Netzwerken mehr gibt, lassen sich dennoch spezifische Verdichtungen bestimmen: die Achsen Brugg-Aarau-Olten, der Städtekranz um Bern oder die Städtenetze im Tessin. Mit der Unterscheidung von wenigen Metropolitanregionen und zahlreichen Städtenetzen weicht die Position des ETH Studios klar von der Raumplanung des Bundes ab, die eine egalitäre Gewichtung dieser Konstellationen vorsieht.
Als Stille Zonen werden ländliche Gebiete bezeichnet, die bisher einer Inkorporation in Städtenetze entgangen sind. In ihnen sind die produktiven Reste der Landwirtschaft angesiedelt. Wie von Wellenschlägen ans Ufer werden sie durch die Entwicklung der Zentren erreicht. Die Stillen Zonen bedürfen eines aktiven «Schutzes», wenn sie nicht den sich stetig ausweitenden Agglomerationen einverleibt werden sollen.
Alpine Resorts sind urbane Netzwerke in den Bergen mit touristischem Charakter. Die Resorts «atmen»: ihre Bewohnerzahl erhöht sich saisonal um ein Vielfaches. Kennzeichnend ist, dass sie dies mittels Simulation dörflichen Wachstums zu «verschweigen» trachten. Den Metropolitanregionen gemeinsam ist ihre internationale Verflechtung und Ausstrahlung, denkt man an Orte wie St. Moritz oder Zermatt. Die Alpinen Brachen hingegen umfassen die nicht oder kaum besiedelten Gebirgsregionen der Alpen. Dies sind die Hochalpengebiete sowie die von Entvölkerung bedrohten Bergtäler. Sie sind gewissermassen ex negativo städtisch geworden, da ihnen die urban ausgerichtete Wirtschaft die Existenzgrundlage entzogen hat. Diese Gebiete sind die einzigen Zonen, für welche das Urbanisierungsprojekt keine reale Perspektive umreisst.
Bewusst unscharf werden diese fünf urbanen Zonen auf der beiliegenden «Thesenkarte» dargestellt, die eine neue, urbane Topografie der Schweiz zeichnet. Grundlage dazu bildeten die 67 so genannten «Bohrungen», welche rund 150 Studenten in den letzten Jahren auf ihren «Expeditionen ins Landesinnere» vorgenommen haben.

Den Augen vertrauen
Vieles am vorgestellten Schweizbild ist nicht neu. Die wesentlichen Züge der Schweizer Urbansierungsprozesse sind längst bekannt, der Begriff der Metropoltanregion ist in Statistik und Standortmarketing etabliert, Städtenetze sind offizielle Politik und über den Föderalismus ist jüngst einiges publiziert worden. Marcel Meili schreibt: «In gewisser Weise haben wir gar nichts herausgefunden. Dies ist auch ein Ergebnis: Die Schweiz ist im Wesentlichen bekannt. Das Wissen blockiert sogar weitere Erkenntnisse. Die Herausforderung unserer Arbeit hat deshalb darin bestanden, die Fakten, auch Alltagserfahrungen, selbst Plattitüden so gegeneinander zu montieren, dass sie zu glühen beginnen.»
Diese Montage zu einem neuen, «glühenden» Bild der urbanen Topografie der Schweiz ist gelungen, in manchen Aspekten gar revolutionär – trotz Kritik während des Entstehungsprozesses. Grundlegend für diesen Erfolg ist das Zusammenfinden von fünf Persönlichkeiten zu einer Autorenschaft, die im Schatten einer in Krise geratenen Raumplanung ein subjektives Schweizbild entwerfen wollte, das Statistiken und technokratische Klassierungen scheut.
Ihre Wahrnehmungsarbeit nennen die Autoren eine «intime und langsame Arbeit an der Stadt». Darin unterscheidet sich die Studie von allem was bisher war: Objektivität, Wissenschaftlichkeit und Wertfreiheit gelten in der Stadt- und Raumplanung, wohl seit es sie gibt, als Tugenden, Subjektivität und der Wille zu Schönheit dagegen als suspekt. Die Arbeit hat aufgrund ihrer «weichen» Methoden denn auch eher «literarischen» Charakter und bricht mit dem Klischee des Reissbrettentwurfes.
Ebenfalls neu und fast zwangsläufig durch die verfolgte Methode bedingt, ist der politische Charakter der Arbeit. Von Anfang an war klar, in den erhofften Aussagen nicht wertfrei zu sein: so ist das «städtebauliche Porträt» zu einer leidenschaftlichen Hommage an eine «urbane Schweiz der Differenzen» geworden. Das ausgeprägte Interesse an der «Differenz» gründet einerseits in der Beobachtung, dass sich Theorien einer globalen Nivellierung (so Rem Koolhaas’ The generic city) nicht bewahrheitet haben, sondern Städte in ihrem Überlebenskampf vielmehr an Spezifik gewonnen haben. Andererseits sind Differenzen – das produktive Nebeneinander verschiedener Kulturen, Geschwindigkeiten und Energien – ein sicherer Indikator für die Urbanität einer Stadt.
Was in einer Stadt für Qualität und Produktivität sorgt, gilt auch für die Schweiz als Ganzes. Die «Thesenkarte», welche zunächst eine Bestandesaufnahme darstellt, ist deshalb auch Wunschbild, oder eben These: das Bild ist gleichzeitig Projekt. Es ist das Projekt für eine Schweiz der Differenzen, wo jeder Teil seine eigene Identität und sein spezifisches Gewicht erhält und im Wirkungsfeld des Ganzen neue Kraft entwickelt.

Föderalismus – ein Dilemma
Hierin liegt denn auch die grösste Herausforderung der zukünftigen Entwicklung der Schweiz. Als mächtigstes Hindernis erscheint der Schweizer Föderalismus in all seinen Verästelungen. Unter dem Titel «Grenzen, Gemeinde» wurden die historischen Wurzeln untersucht, welche heute einer urbanen Entwicklung der Schweiz den grössten Widerstand entgegenstellen: die zahllosen inneren Grenzen und die hohe Autonomie der Gemeinden. «Hinter der Lähmung des Urbanen in der Schweiz verbirgt sich die Krise eines alten Grenzgeflechts, dem die Gegenwart die Bedeutung entzogen hat.» Die Gemeindeautonomie entpuppt sich immer mehr als Hemmschuh einer nachhaltigen, differenzierten und konkurrenzfähigen Entwicklung der Schweiz.
Die Frage nach einer zeitgemässen Form von Föderalismus wird von den Autoren aber nicht vorschnell beantwortet, denn sie stellt ein Dilemma dar: historisch ein Erfolgsmodell, droht er nun zur Totalblockade zu verkommen, in manchen Fällen pervertiert er gar zu kurzsichtigen Egoismus. Das zeigen Diskussionen zu Flughafen, Steuerwettbewerb oder Finanzausgleich.
Die neue, urbane Topografie der Schweiz wird deshalb das traditionelle Solidaritätsmodell herausfordern. In Zukunft geht es um die Bereitschaft, sich zum Vorteil aller zu beschränken. Diese Beschränkung würde keinen Verlust bedeuten: vielmehr könnten die Orte ihren spezifischen Charakter erhalten, gar stärken. Bedauerlicherweise greifen heute aber nur wirtschaftlich weniger erfolgreiche Regionen zu neuen Kooperationen. In erfolgreichen Gebieten mit viel Wachstum hat sich die Situation in eine gegenteilige Richtung verschärft: die Autoren sprechen von einer «Aushungerung» und «Belagerung» der Stadt durch reiche Vorortgemeinden, einem «räumlichen Klassenkampf».

Chancen für ein Umdenken
Es verbleibt die Frage nach der Wirkung des Buches. Die Autoren sind sich darüber uneinig, nennen aber doch zwei Voraussetzungen, welche für ein Umlenken gegeben sein müssten: «die Wucht der Stadt, das heisst die Verdichtung der metropolitanen Räume zu richtigen Städten, und die Idee der Komplementarität. Diese besagt, dass es sowohl für die einzelnen Orte wie auch für das Ganze besser ist, wenn sich nicht jeder Ort in dieselbe Richtung entwickelt, sondern unter Umständen genau in die gegenteilige Richtung. Es war aber nie die Idee der Schweiz, etwas Grösseres zu schaffen, sondern immer dreitausendmal dasselbe Kleine grösser zu schaffen.» Wie die Debatte um eine marginale Vergrösserung des Nationalparks gezeigt hat, ertragen die Schweizer nicht einmal mehr «Natur».
Auf der Ebene der Politik sehen die Autoren deshalb keinen Weg zu Veränderungen. Vielleicht könnte eine verstärkte Ökonomisierung der Raumplanung und Regionalpolitik Veränderungen herbeiführen. Ökonomische Anreize und Rendite als Kriterien würden die Relevanz räumlicher Fragen verstärken; so wie es die Bemühungen um ein Verursacherprinzip in der Verkehrpolitik vorgezeigt haben.
Etwas aber scheint tatsächlich möglich: «Wenn die Gemeinden nicht zu grösseren Räumen verbunden werden, kann die Schweiz daran zu Grunde gehen. Sie kollabiert nicht, aber sie wird zu einem Kanton Aargau von Europa reprovinzialisiert. Provinzialisierung erfolgt lautlos und ist unspektakulär. Sie ist tatsächlich ein mögliches Szenario für eine Schweiz, die Solidarität nicht zu lernen vermag.»

Roger Diener, Jacques Herzog, Marcel Meili, Pierre de Meuron, Christian Schmid: Die Schweiz. Ein städtebauliches Porträt, ETH Studio Basel, Institut Stadt der Gegenwart. Birkhäuser, Basel 2005, CHF 68.-