42
Wohngebäude mit Gewerbeanteil, Baufelder B1 Nord/Süd, Greencity
Zürich
Projektwettbewerb, 2012

Städtebau, Areal und Baulfelder B1
Mit der Überbauung der Industriebrache Manegg an der Sihl kann eines der letzten grossen Entwicklungsgebiete der Stadt Zürich in eine Wohn- und Gewerbezone überführt werden. Die Qualitäten des Areals sind bekannt: Im Norden liegt die Innenstadt, im Osten das Ufer des Zürichsees, im Süden und Westen der Landschafts- und Erholungsraums des Üetlibergs und des Sihltals. Der Gestaltungsplan von Diener & Diener und Vogt schlägt eine Folge von öffentlichen Räumen, sowie grossmasstäblichen Volumen vor, welche das ganze Areal in seiner Nord-Süd-Ausdehnung besetzen. Diese räumliche Reminiszenz an das alte Industrieareal sorgt zusammen mit der denkmalgeschützten alten Spinnerei, der «Holländerhalle» sowie dem Wasserturm für den Fortbestand des Industriecharakters und ist identitätsstiftend.

Die Baufelder B1 bilden das südliche Ende des Areals. Diese Baufelder sind in eine mehrgestaltige städtebauliche Situation eingebettet: Im Osten schliessen sie an den Landschaftsraum, im Norden stossen sie direkt an den wichtigen Spinnereiplatz, dem neuen Zentrum des Areals, und entlang der langen Westseite befinden sich die Geleise der S-Bahn mit der Haltestelle . Das Projekt reagiert auf diese städtebaulich vielschichtige Ausgangslage mittels der Setzung zweier einfacher, plastisch kräftiger Körper, welche U-förmigen Gebäudetypen entsprechen. Dahingehend nimmt das Projekt eine städtebauliche Interpretation des Gestaltungsplans vor. Die Volumen werden nicht als städtische Hoftypen im Greencity-Areal verstanden, sondern als Volumen an der Grenze zwischen Landschaftsraum und ehemaligen Industrieareal. Diese Ambivalenz wird in der Zweiseitigkeit der Setzung ansichtig. Zum Spinnereiplatz, wie auch zu den Gleisen und zur südlich gelegenen Butzenstrasse erscheinen die Volumen als geschlossene urbane Körper und folgen mit langer Fassadenabwicklung den Grenzen des städtischen Aussenraums. An der Entlisberger Hangkante im Osten greifen die Gebäudearme in den Landschaftsraum und verzahnen sich damit. Infolgedessen unterscheidet sich der Aussenraum zwischen den beiden Gebäuden nicht von jenem in den offenen Höfen – es gibt keine Unterscheidung zwischen einem «inneren» und einem «äusseren» Freiraum.

Aussenraum und Erschliessung
Die Differenz zwischen «Stadt- und Landschaftsseite» äussert sich im Niveausprung der Topographie: Das Gelände liegt hangseitig ein Geschoss höher als zum Industrieareal. Sämtliche Zugänge zu den Wohnungen wie auch zu den Gewerberäumen liegen gut sichtbar zur Stadtseite auf dem Niveau des Spinnereiplatzes. Die Erschliessung der Wohnungen erfolgt entweder über die Tiefgarage oder über grosszügige Treppenanlagen, die vom Stadtniveau zu offenen Arkadengängen im höher gelegenen Gartengeschoss führen. Von hier führt der Weg zu den einzelnen Treppenhäuser. Diese Erschliessungsfigur bringt mehrere Vorteile mit sich: Einerseits können die 350 Wohnungen über lediglich drei Haupt-Treppen erschlossen werden, eine solche Disposition schafft Orientierung und sorgt für gute Adressbildung im Areal. Andererseits ist die Entflechtung von öffentlicher und privater Nutzung gewährleistet. Insbesondere die Wohnungen im Gartengeschoss profitieren von einer erhöhten Privatsphäre, da keine weiteren öffentlichen Zugänge notwendig sind. Die Parkierung folgt den Anforderungen im Programm. Die Ein- und Ausfahrt in die Tiefgarage liegt westlich der Gleise, eine zweite Ausfahrt befindet sich an der Butzenstrasse.

Gebäudestruktur und Wohnform
Die Gebäudestruktur baut auf zwei Determinanten auf: Ein Schottenraster von 4.2 Metern Abstand, abgestimmt auf das Achsmass der Tiefgarage, sowie eine Verdrehung der Treppenhäuser bestimmen den strukturellen und räumlichen Aufbau der Bauten. Die strenge Struktur, die auf Serialität und Regelhaftigkeit setzt, ist rationalen Industrie- und Lagerhaustypen verpflichtet und sucht diese Qualitäten auf den Wohnungbau und entsprechende zeitgenössische Wohnformen zu übertragen. Die Verdrehungen der Treppenhäuser ergeben im Inneren der Wohnung spannungsreiche, dreieckige Erschliessungs- und Wohnräume, die der Wohnung eine spezifische Qualität verleihen.

Das Projekt baut innerhalb dieser Anlage auf drei verschiedenen Wohnungstypen auf: den Nord-Süd-Typ, den Ost-West-Typ, sowie den Attikatyp. Der Nord-Süd-Typ funktioniert als Dreispänner, mit zwei 3.5- und einer 2.5-Zimmer-Wohnung. Die 3.5- Zimmer-Wohnung setzt hier auf drei gleich grosse 20-m2-Zimmer, so dass jeder Raum unabhängig von Orientierung und Ausrichtung, individuell nutz- und einrichtbar ist. Die Aussenräume sind als offene Lauben ausgebildet. Der Ost-West- Typ baut auf den gleichen Prämissen auf, hat aber ungleichere Raumgrössen und ist insofern konventioneller. Die Aussenräume sind hier als Loggien zur Platzseite respektive dem Geleiseraum hin vorgeschlagen. Im Attikageschoss sind die Kleinwohnungen untergebracht. Auch hier unterscheiden sich die Wohnungen gemäss ihrer Ausrichtung. Auf den Nord-Süd-Trakten sind Einzimmerwohnungen angeordnet, die über allseitig offene Laubengänge erschlossen werden. Die Konzentration der Einzimmerwohnungen im Dachgeschoss erlaubt die Reduktion um insgesamt fünf Treppenhäuser im Attika. Die Dachwohnungen in den Ost-West- Trakten weisen verschiedene Grössen und Zuschnitte auf. Das gesamte Attikageschoss besitzt ein Sheddach (Der Nachweis der Möblierbarkeit ist auf Blatt 6 erbracht.)

Ausdruck und Materialisierung
Der Ausdruck der Gebäude sucht eine Verwandtschaft zu anonymen Industriebauten des 20. Jahrhunderts, worin klassische Eleganz und Rationalismus erfolgreich zusammenfinden. Die vorgeschlagenen Gebäudekörper zeigen einen Aufbau mit Sockel, Hauptgeschoss und Dach. Im hell lasierten Skelett aus Ortbeton sind die Fenster und Brüstungen aus natureloxiertem Aluminium eingesetzt. Zum Spinnereiplatz sind die Fassaden geschlossen und folgen dem ausgeprägt urbanen Gesamteindruck der räumlichen Abfolge. In den Höfen und zur Landschaft hin prägen die auskragenden Lauben den Übergang zum Grünraum.

Wirtschaftlichkeit und 2000 Watt
Neben den guten Kennwerten verfügen die Gebäude auch über eine äusserst einfache und repetitive Struktur, welche von der Fundation bis zum Attikageschoss durchgeht. Die Achsmasse der Wohngeschosse sind auf die Parkierungsraster abgestimmt. Die vorgeschlagenen kompakten Gebäude mit einem, der Exposition angepassten Fensteranteil, erreichen problemlos den Minergie-P-ECO Standard. Auch der 2000-Watt-Nachweis kann erbracht werden, wobei die Dämmstärken massiv reduziert werden können. Das streng nach Süden ausgerichtete Sheddach ermöglicht eine optimale Belichtung der kleinen Attikawohnungen wie auch eine ideale Exposition der Solaranlagen.

Mitarbeit Wettbewerb
Peter Baumberger, Karin Stegmeier, Ron Edelaar, Elli Mosayebi, Christian Inderbitzin, Simon Cheung, Lorenz Mörikofer, Luca Pestalozzi, Katrin Pfäffli, Thomas Schiratzki

Zusammenarbeit
Baumberger Stegmeier Architektur (BS+EMI Architektenpartner AG)

Bauherrschaft
Losinger Marazzi AG, Zürich