Büro- und Laborgebäude Multihaus Rehau
Rehau, Deutschland, 2018–2019
Projektwettbewerb, 2017, 1. Preis

Das Multihaus als nutzungsflexibler Hallenbau
Das aus drei Modulen aufgebaute Multihaus ist als nutzungsflexibler Hallenbau konzipiert. Der schlanke und flache Baukörper folgt dem Grundstückszuschnitt und entwickelt sich in Längsrichtung zur Brauhausstraße. Im Endausbau erreicht das Gebäude die Kreuzung Brauhausstraße/Frauenbergerstraße. Der Baukörper ist sorgfältig in die Topografie eingepasst, die in Längsrichtung um rund 1.5 Meter und Querrichtung um 2.0 bis 3.0 Meter ansteigt.
Die Skelettstruktur weist in der Längsrichtung ein Grundraster von 6.50 Metern auf, das gemäss dem beigezogenen Laborplaner ideale Voraussetzungen für die Labornutzung schafft. In Querrichtung weist der Hallenbau drei Tragachsen auf, zwei davon direkt hinter der Fassadenebene. Die Halle besitzt im Sinne maximaler Nutzungsflexibilität eine durchgehend gleiche Raumhöhe von 3.90 Metern im Licht. Sämtliche vertikalen Erschliessungen für Personen, Waren und Medien sind der Hallenstruktur beidseitig aussen angelagert, schaffen so uneingeschränkte Flexibilität im Innern und prägen den architektonisch-plastischen Ausdruck des Neubaus. Mit dieser Idee folgt der Vorschlag einem bekannten Bautypus aus Industrie und Dienstleistung wie beispielsweise dem Schaltwerk von Hans Hertlein in Berlin (1927) oder dem Bürohaus der Inland Steel Company von SOM in Chicago (1957).

Etappierung der Module 1, 2 und 3
Das Modul 1 mit dem Zentrallabor wird im unmittelbaren Anschluss an die Bestandsgebäude an der Brauhofstraße erstellt. Der verbleibende Zwischenraum dient auch in Zukunft der Anlieferung. Der Bau des Modul 2 stellt eine lineare Erweiterung des ersten Abschnitts in gleicher Bauweise und Geschossigkeit dar. Durch die lineare Erweiterung wird der Betrieb im Zentrallabor nicht gestört.
Das Modul 3 ist als Aufstockung auf Modul 1 und 2 in Leichtbauweise (Stahlskelett mit Holzelementdach) konzipiert. Die Vorfabrikation der Leichtbauteile sorgt für geringe Auflasten auf die bestehende Struktur und eine «trockene», kurze Bauzeit, welche wiederum die Immission im Bestand gering halten respektive einen Bau unter Betrieb zulassen. Für die Erschliessung mit Personen und Waren werden die bestehenden Kerne aufgestockt. Separate Technikräume in der Aufstockung, insbesondere für die Lüftung, machen die Räume von Modul 3 bezüglich der Medienerschliessung weitgehend autark. Mit dem Bau von Modul 3 kann das Gebäude über eine Brücke an den Bestand angeschlossen werden. Die Brücke führt direkt zum Betriebsrestaurant.

Erschliessung
Das Multihaus besitzt zwei Eingänge an der Brauhausstraße. Jener des Modul 1 dient dem Zugang zum Zentrallabor sowie zur späteren Aufstockung von Modul 3 mit Gesundheitszentrum und Betriebsrestaurant. Der Eingang des Modul 2 erschliesst die R+D Materials and Technologies sowie die darüber liegende Ausstellungshalle von Modul 3. Beide Module erhalten je einen zusätzlichen Kern mit Lastenaufzug und Fluchttreppenhaus. Der Lastenaufzug von Modul 1 dient später auch der Belieferung der Restaurantküche, jener von Modul 2 der Belieferung der Ausstellungshalle.
Rückgrat der horizontalen Erschliessung bildet eine in Längsrichtung des Gebäudes respektive eine entlang der Brauhofstraße verlaufende, durchgehende Wandelhalle. Aufgrund ihrer Breite und Belichtung ist sie mehr als nur ein Korridor: Sie dient dem Aufenthalt sowie dem Austausch und der Kommunikation unter den Mitarbeitern und ist damit zentrales Element der Strategie «Neue Arbeitswelten». Dieser Absicht folgend sind auch die alkovenartigen Ausweitungen zu verstehen, die Rückzugsraum für persönliche Besprechungen, Telefongespräche oder das Arbeiten am Laptop bieten. Zudem erlaubt die Wandelhalle die Verteilung grosser Güter und Geräte zu den Labors. Die Wandelhalle erschliesst sämtliche Labor- und Büroräume.

Nutzungsdisposition und Betrieb
Die Laborräume im Hauptgeschoss (N+1) besetzen einen innenliegenden Kernbereich, der von der Wandelhalle und den Büroräumen entlang der Nordseite umklammert wird. Die Labors werden zweiseitig, einmal über die Wandelhalle und gegenüber über ein Oberlichtband zu den Büroräumen, belichtet. Sie verfügen damit über eine ruhige und konstante Lichtsituation. Die schlanke Raumschicht der Büros ist gut und konstant über die Nordfassade belichtet. Die Disposition mit den Labors im Kernbereich und den umgreifenden Räumen von Halle und Büros rückt die Laborräume ins Zentrum des Betriebs und schafft sehr direkte Wege und Beziehungen zwischen Labor- und Büroarbeitsplätzen. Aufgrund der Hallenbauweise mit Skelettbau sind Umbauten respektive Flächenverschiebungen von Labor- zu Büronutzung und umgekehrt jederzeit möglich. Die Büroräume profitieren von der durchgehend gleichen, lichten Raumhöhe von 3.90 Metern der Labors.
Das Zugangsgeschoss an der Brauhofstraße (N±0) lässt aufgrund der topografischen Situation, nur eine einseitige Belichtung zu. Hier befinden sich neben den Räumen für Technik und Lager jene Laborräume, die wenig oder nur temporäre Personenbelegung aufweisen. Auch das ZE-Labor, das als einziger Raum eine Überhöhe benötigt befindet sich auf diesem Niveau und reicht über zwei Geschosse. Die wiederum strassenseitig vorgelagerte Erschliessungshalle schafft den nötigen Schutz vor unerwünschten Einblicken in die Laborräume.
In der Aufstockung über Modul 2 befinden sich die geforderten Besprechungszimmer sowie die Ausstellungshalle. Die Ausstellungshalle wird über einen doppelten Shed mit Nordlicht belichtet. Das Sheddach gibt dem Multihaus zudem sein unverwechselbares Gesicht zur Frauenbergerstraße hin. Punktuelle Öffnungen in der Fassade geben gezielte Ausblicke auf die Stadt und das Firmengelände der Rehau. Im Teilbereich Aufstockung über Modul 1 liegt das Betriebsrestaurant mit Küche. Das Restaurant kann aufgrund seiner Höhenlage direkt über eine Brücke an die Bestandsgebäude angeschlossen werden. Ein eingeschnittener Dachhof ermöglicht das Speisen im Freien. Die Küche ist direkt mit einem Lastenaufzug verbunden. Über den Aufzug wird angeliefert, zudem kann die darunter liegende Ausstellungshalle bei grösseren Banketten bedient werden.

Medienerschliessung und Gebäudetechnik
Das Konzept der Medienerschliessung folgt der Absicht maximaler Nutzungsflexibilität im Hallenbau. Dabei werden die Labors und Büroräume des Hauptgeschosses (N+1) über dezentral verteilte Schächte direkt von unten angefahren. Die primäre, horizontale Verteilung erfolgt hinter der Vorsatzschale in einem durchgehenden Installationsraum an der Rückwand des Zugangsgeschosses (N+0). Die Zu- und Fortluft erfolgt über einen Lüftungskamin an der Nordfassade. Damit bleiben der Hallenbau und die Aufstockung von Modul 3 frei von durchgehenden Schachtquerschnitten. Die Räume des Modul 3 verfügen über eigene Lüftungszentralen auf dem Dach, sodass auch hier bei der Erschliessung bestehende Einheiten nicht tangiert werden.
Das energieeffiziente Haustechnikkonzept sieht vor, dass die Beheizung des Gebäudes über die bestehende Geothermie erfolgt. Über das gleiche System erfolgt im Sommer die Kühlung des Gebäudes. Die Be- und Entlüftung wird mit Wärmerückgewinnung ausgestattet. Um eine möglichst autarke Energieversorgung zu realisieren, werden die Wärmepumpe, die LED-Beleuchtung sowie die Anlagen der mechanischen Lüftung über eine Eigenstromerzeugung durch Photovoltaik auf dem Dach gespeist. Die Transmissionswärmeverluste des Gebäudes werden durch einen ausgewogenen baulichen Wärmeschutz mit ca. 20 Zentimeter Wärmedämmung im Bereich der Fassaden, 30 Zentimeter Dämmung auf dem Dach und 14–16 Zentimeter Perimeterdämmung im Bereich beheizter Bereiche im Erdreich sowie durch die geplante 3-Scheiben-Verglasung minimiert. Das vorgeschlagene Konzept führt zu einer nahezu autarken Energieversorgung des Gebäudes mit einer hohen Energieeffizienz sowie einer hohen Nachhaltigkeit auf Grund der CO2-Minimierung.

Fassade und architektonischer Ausdruck
Der massiv konstruierte Hallenbau von Modul 1 und 2 wie auch der Leichtbau von Modul 3 erhalten eine Fassade aus hell geschlemmtem Klinker. Im Bereich der vorgestellten Vertikalerschliessungen wird die Fassade zweischalig, mit einer inneren aussteifenden Betonschale und einem vorgeblendeten Klinkermauerwerk, ausgeführt. Im Bereich der Brüstungsbänder und bei Modul 3 werden Klinkerriemchen auf eine Trägerplatte geklebt. Die Fenster sind anthrazitfarben. Den Fenstern vorlagert ist eine feste Lamellenstruktur in Aluminium, welche den Wärmeeintrag reguliert und für eine ausgeglichene Lichtsituation im Innern sorgt. Der Bau steht auf einem Betonsockel. Das Dach wird mit einem Trapezblech in CNS gedeckt.
Es wird ein architektonischer Ausdruck gesucht, der Funktion und Aufbau des Multihauses auf elegante Weise nach aussen trägt. Er oszilliert zwischen industriellem und repräsentativem Charakter.

Konstruktion und kostensparende Bauweise
Die vorgeschlagene Gebäudestruktur und Fassadenkonstruktion weisen einen sehr hohen Grad an Standardisierung und Wiederholung auf. Alle oberirdischen Bauteile, wie etwa die Betonfertigteilelemente der Stützen, Unterzüge und Decken werden vorfabriziert und am Bau montiert. Die Typisierung der Bauteile und die Montagebauweise verkürzen über einen rationellen Bauablauf die Bauzeit und tragen der Forderung einer kostensparenden Bauweise Rechnung. Die Rohbaustruktur bleibt im Innenraum sichtbar, sodass der Aufwand im Innenausbau minimiert werden kann.

> Lageplan

Mitarbeiter Wettbewerb
Ron Edelaar, Elli Mosayebi, Christian Inderbitzin, Sébastien Ressnig, Rabea Kalbermatten, Pascal Ruckstuhl

Mitarbeit Planung und Ausführung
Ron Edelaar, Elli Mosayebi, Christian Inderbitzin, Projektleitung: Julian Fischer, Architekt: Simon Cheung

Bauherrschaft
Rehau, Unlimited Polymer Solutions

Bauingenieur: Unglaub-Sachs-Seuss, Naila
Elektroplaner: Dörflinger + Beikirch, Fulda
Haustechnikplaner: Karl Müller, Bayreuth
Laborplaner: Wesemann Laboreinrichtungen, Ulm
Brandschutzplaner: Neumann Krex & Partner, Nürnberg