Wohnsiedlung Obsthalde
Zürich-Affoltern, 2013–2017
Projektwettbewerb auf Einladung, 2013, 1. Preis

Das einfache Haus: Eine Absichtserklärung
Das Quartier um die Obsthaldenstrasse in Zürich-Affoltern besteht aus zwei- und dreigeschossigen, einfachen Häusern mit verputzten Fassaden und Ziegeldächern. Der dominante Typ ist der Zeilenbau, wobei die dreigeschossigen Zeilenbauten Geschosswohnungen beinhalten, die zweigeschossigen Reiheneinfamilienhäuser. An den Rändern des Quartiers finden sich kleinere Einfamilienhaussiedlungen. Die grosse Qualität des Quartiers besteht in der geringen Dichte und den stark durchgrünten, mehrheitlich privat genutzten Gartenräumen zwischen den Häusern. Es ist ein Ort, wo sich die Bewohner kennen und die Kinder auf der Strasse spielen.
Aufgrund der Parzellenstruktur, der zahlreichen Einfamilienhäuser und der damit verbundenen Eigentumsverhältnisse ist nicht von einer Transformation der Quartierstruktur hin zu einer neuen Stadtform auszugehen. Die Gartenstadt wird hier ihre Qualitäten erhalten. Daher wurden drei Bauten mit insgesamt lediglich 45 Wohnungen und maximal drei Geschossen realisiert, obwohl das Grundstück eine Arealbebauung mit deutlich höherer Ausnutzung zugelassen hätte. Die Ausbildung eines ortsfremden und bezüglich der Wohnqualität problematischen «Zürcher Untergeschosses» wie auch eines Attikageschosses bleibt dadurch aus. Die Erhöhung der Wohnungsanzahl von ursprünglich 22 auf neu 45 rechtfertigte den Ersatzneubau, gleichzeitig werden die heutigen Qualitäten der gartenstädtischen, familienfreundlichen Siedlung erhalten. Gemäss der umgebenden Bebauung sind die Ersatzneubauten als «einfache Häuser» konzipiert, die in ihrer Gebrauchstauglichkeit der Wohnungen und der Solidität der Konstruktion den ursprünglichen Häusern in nichts nachstehen.

Städtebau und Volumetrie: Drei schlanke Zeilenbauten
Vor dem beschriebenen Hintergrund und der Absicht die bestehende, gartenstädtische Situation mit einer mässigen Erhöhung der Dichte weiterzuentwickeln, wurden drei schlanke Zeilenbauten realisiert, die in ihrer Massstäblichkeit am Bestand anknüpfen und sowohl untereinander, als auch im Zusammenwirken mit den Nachbarbebauungen ortstypische Garten- und Erschliessungsräume definieren.
Der längste der drei Baukörper folgt dem Verlauf der Obsthaldenstrasse und fasst über die Strasse hinweg die Hofräume der Siedlung zwischen Obsthalden- und Wehntalerstrasse. Die zwei kürzeren Bauten liegen einmal hangparallel im Südwesten der Parzelle sowie der Hangneigung folgend im Südosten. Auch diese zwei Bauten schaffen Aussenräume über die Parzellengrenze hinaus. Alle drei Bauten sind maximal dreigeschossig und weisen flach geneigte Satteldächer auf. Die bestehende Liegenschaft auf dem Grundstück wird so auf selbstverständliche Art in die Überbauung miteinbezogen.

Aussenraum und Erschliessung: Wege, Bäume und Gärten
Der Aussenraum schliesst in seiner Massstäblichkeit am umgebenden Bestand an und baut auf drei ortstypischen Elementen auf: Vorgärten mit Hauszugängen im Norden und Nordwesten, Privatgärten im Süden und Südosten sowie eine fussläufige Durchwegung. Die Durchwegung besteht aus einer primären Verbindung zwischen Obsthalden- und Primelstrasse, die in einer mäandrierenden Bewegung die Siedlung quert, und untergeordneten Verbindungen, wie beispielsweise zum Gemeinschaftsraum im Osten. Die Weggabelungen sind jeweils mit platzartigen Ausweitungen und Baumgruppen ausgezeichnet. Wege und Bäume strukturieren übergeordnet den Aussenraum.
Die im Süden und Südosten den Häusern direkt vorgelagerten Privatgärten sind den Wohnungen im Erdgeschoss bzw. Hochparterre vorbehalten und sorgen für eine starke, abwechslungsreiche Durchgrünung des Aussenraumes. Sie sind klar zum gemeinschaftlichen Raum hin begrenzt, aber nicht abgezäunt oder mit Hecken getrennt. Das für den Geschosswohnungsbau übliche anonyme «Abstandsgrün» wird durch eine klare Zuweisung der Flächen vermieden. So entsteht ein dichter Aussenraum, der vielfältige Aktivitäten ermöglicht. Offene Velounterstände an den Hauszugängen strukturieren den Aussenraum zusätzlich.

Wohnungen: Gebrauchstauglichkeit, Flächenökonomie, räumlicher Reichtum
Die Konzeption der Wohnungen folgt wie auch der Städtebau der eingangs formulierten Absichtserklärung «einfacher Häuser», die eine hohe Kohärenz zwischen Aussenraum, architektonischem Ausdruck und Wohnform impliziert. Insbesondere auf die Gebrauchstauglichkeit der Wohnungen wurde daher Wert gelegt. So besitzen beispielsweise alle Wohnungen mit Türen abschliessbare Zimmer, damit auch Familien dort leben können, die jedes Zimmer zum Schlafen benötigen. Im Weiteren verfügen die Wohnungen über ausreichend Stauraum, einen abgeschlossenen, geräumigen Eingangsraum mit Schrank oder ein Bad mit Fassadenanstoss, das bei intensiver Nutzung auch über das Fenster belüftet werden kann.
Neben der Gebrauchstauglichkeit wurde eine gute Flächenökonomie angestrebt, bei der trotz grosser Zimmer insgesamt eher kleine und damit günstige Wohnungen resultieren. Die 3,5-Zimmer-Wohnungen messen 79,5 m2, die 4-Zimmer-Wohnungen 97 m2, die 5,5-Zimmer-Wohnungen 113,5 und 117,5 m2. Von jedem Treppenhaus werden jeweils zwei Wohnungen pro Geschoss erschlossen.
Der räumliche Aufbau ist bei allen drei Wohnungen identisch. Die Wohnung wird jeweils über einen grosszügigen Eingangsraum betreten. Von da gelangt man in den Koch-Ess-Raum, der offen mit dem Wohnraum verbunden ist. Beide Bereiche werden durch die zu dreiviertel eingezogenen Aussenräume gegliedert. Sämtliche Wohnungen verfügen über Zimmer auf der Nord- und Südseite respektive Ost- und Westseite. Jeweils ein Zimmer ist über eine Doppelflügeltüre mit dem Wohnraum verbunden und gewährt je nach Nutzung des Zimmers und Lebensstil der Bewohner ein «Durchwohnen». Von diesem Zimmer gibt es zudem eine direkte Verbindung zum grossen Bad mit Fassadenanstoss. Die Mehrfachverbindungen zwischen den einzelnen Räumen erlauben unterschiedliche Nutzungsszenarien und erzeugen den Eindruck räumlicher Grosszügigkeit, da verschiedene, auch zirkuläre Wege innerhalb der Wohnung bestehen.
Zwei Wohnungen sind aufgrund der geringen Gebäudetiefe als direkt von aussen erschlossene Maisonetten konzipiert. Sie befinden sich im Osten der Siedlung, über dem Gemeinschaftsraum. Als zusätzliches Angebot gibt es in den weiteren Annexbauten zwei oberirdische, natürlich belichtete Ateliers mit je eigener Toilette sowie eine Gästewohnung.

Architektur und Konstruktion: Murale Häuser mit Holzdächern
Die Konstruktion der Häuser weist eine der Gebrauchstauglichkeit der Wohnungen verwandte Robustheit auf. Die Häuser sind in Massivbauweise errichtet, mit minimierten Ortbetondecken, tragenden, verputzten Innenwänden in Backstein und einem verputzten Einsteinmauerwerk in den Aussenwänden. Die Holz-Metallfenster sind als Lochöffnungen in das Mauerwerk eingeschnitten. Die flach geneigten Satteldächer sind als Holzelementbau erstellt und mit Eternit und Photovoltaikelementen eingedeckt.
Der architektonische Ausdruck wird bestimmt durch die einfache Erscheinung verputzter Körper mit unterschiedlich grossen Fensteröffnungen. Im Vergleich zu den bestehenden Siedlungen sind die Öffnungen im Verhältnis zum Gebäudekörper teilweise wesentlich grösser und erzeugen so eine eigene Massstäblichkeit, welche die Häuser kleiner erscheinen lässt, als sie tatsächlich sind. Dazu trägt auch ein robuster Betonsockel bei, der an manchen Stellen in die unterste Fensterreihe «einschneidet» und so die Dreigeschossigkeit unterspielt. Die Vordächer sind auf das Vortreten der Traufbretter und Rinnen reduziert. Vertikale, unterschiedlich breite Bahnen aus Kellenwurf- und Glattputz gliedern die Fassade und brechen die Volumen in ihrer Länge. Die Fassadenreliefs an den Stirnseiten der Häuser des Künstlers Christian Hörler erzählen vom Alltag und beziehen sich typologisch auf den Giebelschmuck der genossenschaftlichen Wohnhäuser der 1940er Jahre.

Mitarbeiter Wettbewerb
Ron Edelaar, Elli Mosayebi, Christian Inderbitzin, Pascal Steiner

Mitarbeit Planung und Ausführung
Ron Edelaar, Elli Mosayebi, Christian Inderbitzin, Projektlei­tung: Pascal Steiner, Bauleitung: Julian Fischer, Phillip Türich, Architekten: Ramin Mosayebi, Lukas Burkhart, Fabian Lauener, Praktikanten: Isabella Mugavero, Manon Jochen, Jenna Buttermann, Anh Khoa Ngo

Landschaftsarchitekt: Hoffmann & Müller Landschaftsarchitektur GmbH, Zürich
Ingenieur: WKP Bauingenieure AG, Zürich
Holzbauingenieur: Indermühle Bauingenieure, Thun
HLS-Planer: Planungsbüro Roman Böni GmbH, Oberentfelden
Elektroplaner: Gutknecht Elektroplanung AG, Au
Bauphysiker: Raumanzug GmbH, Zürich