Wohn- und Geschäftshaus MIN MAX, Glattpark
Opfikon, 2013–2016
Projektwettbewerb auf Einladung, 2013, 1. Preis

Thesen zur Aufgabenstellung
Eine grosse Schwierigkeit im gegenwärtigen Wohnungsbau besteht in der Individualisierung bei gleichzeitiger Anonymisierung der Mieterprofile: Aufgrund unseres Wohlstandes ist praktisch jedermann in der Lage, seinen individuellen Lebensentwurf zu realisieren. Die Summe dieser Entwürfe führt zu einer Anonymisierung der Mieterschaft. Diese Tatsache bedeutet, dass Entwickler und Vermieter die Bedürfnisse ihrer zukünftigen Mieter nicht mehr genau kennen. Und für die Architekten verunmöglicht sie ein entwerferisches Denken in klar umrissenen Typologien. Der Typus einer Wohnung, sofern es ihn noch geben kann, ist vielmehr das Resultat eines Projektes, nicht aber der Ausgangspunkt.
Obschon die gestellte Aufgabe ein interessantes Segment von Menschen anzusprechen versucht, bleibt auch hier die Frage unbeantwortet, wie eine solche Kleinwohnung auszusehen hat und bewohnt wird. Um nicht Spekulationen und Wunschvorstellungen aufzusitzen, haben wir vier Thesen zum Wohnen im Glattpark Opfikon aufgestellt:

1. Ein städtisches Haus
Das Wohnhaus soll in seinem Gestus und architektonischen Ausdruck kompromisslos dem Städtischen und Urbanen verpflichtet sein. Der Glattpark ist ein eindrückliches Beispiel dafür, dass es keine klare Hierarchie zwischen Zentrum und Peripherie mehr gibt – es geht hier eindeutig um ein Stück Stadt. Diese Stadt wird um so urbaner, je mehr sich die Architektur zu ihr bekennt.

2. Zwischen Gemeinschaft und Anonymität
Das Haus soll die Möglichkeit, nicht aber eine Verpflichtung zum gemeinschaftlichen Leben bieten. Es geht nicht um ein sozialutopisches Experiment, sondern um eine zeitgemässe Wohnform mit Wahlmöglichkeiten: genauso wichtig wie gemeinschaftliche Aspekte ist uns Anonymität, die genuin zum Städtischen gehört. Das Haus lässt sich vielleicht am besten mit einem Hotel vergleichen, bei dem die Möglichkeit sozialen Austausches besteht, aber nie zum Zwang wird.

3. Wohnungen: Ein spezifisches Raumgefühl
Die relative Kompaktheit der Wohnflächen soll durch ein spezifisches Raumgefühl kompensiert werden: Die Wohnräume sollen nicht als verkleinerte konventionelle Wohnungen empfunden werden, sondern vielmehr aus ihrer Kompaktheit heraus neue Qualitäten schaffen. Dabei haben wir unter anderem an die kleinen Ateliers der 1920er Jahre in Paris gedacht. Im Atelier Ozenfant entsteht auf einer kleiner Grundfläche – mit einfachem Zuschnitt – über die Raumhöhe und die Art der Befensterung ein Hallenraum, in dem gearbeitet und gewohnt werden kann.

4. Offenheit: Eine räumlich-strukturelle Lösung
Das Haus soll vor dem Hintergrund einer individualisierten und deshalb anonymisierten Mieterschaft eine Raum- und Gebäudestruktur aufweisen, die nichts über seine Bewohner aussagen will, sondern offen ist für unterschiedliche Adaptionen wie auch für zukünftige bauliche Anpassungen. Diese Offenheit kann sowohl einfache und klare Dispositionen als auch ein informelles Gepräge betreffen. Sie umfasst die Trag- und Raumstruktur gleichermassen wie die Fassade und die Gebäudetechnik.

Architektonischer Beschrieb
Das städtebauliche und architektonische Konzept erklärt sich vor dem Hintergrund der vier Thesen: 1. Ein städtisches Haus, 2. Zwischen Gemeinschaft und Anonymität, 3. Wohnungen: Ein spezifisches Raumgefühl und 4. Offenheit: Eine räumlich-strukturelle Lösung.

Städtebau
Das Projekt sieht – der ersten These folgend – ein Gebäude vor, das typologisch als städtischer Block zu bezeichnen ist. Es erreicht die volle Höhe und führt damit die Traufen am Boulevard Lilienthal fort. Im Grundriss besetzt das Volumen praktisch die gesamte bebaubare Fläche und wirkt raumbildend auf die angrenzenden Strassen- und Grünräume.
Das Gebäude orientiert sich in der Ausbildung von Volumetrie und Fassaden primär am Boulevard Lilienthal und sekundär am Grünraum der Lindbergh-Allee. Zur Nachbarsparzelle im Osten ist das Gebäude in den beiden obersten Obergeschossen nochmals in Tiefe und Höhe gestuft. Analog gewertet sind die Gebäudezugänge: Der Hauptzugang befindet sich an der Ecke Boulevard Lilienthal/Lindbergh-Allee, zwei Nebeneingänge finden sich an der nordöstlichen und nordwestlichen Gebäudeecke. Die knappen Aussenräume des Gebäudes sind mehrheitlich gemeinschaftlich oder öffentlich genutzt und durchwegt. Die Erschliessung der Gewerberäume erfolgt direkt über den Boulevard Lilienthal.
Das Gebäude umschliesst einen Innenhof, der sich nach oben hin in zwei Stufen erweitert: einmal über dem Erdgeschoss, das zweite Mal über dem Geschoss N+4. Als zentrierender Raum ist dieser Innenhof ein einfacher, aber selbstverständlicher und prägnanter Ort der Gemeinschaft: Gewissermassen eine leere Mitte, wo alles zusammenkommt. Über Laubengänge werden die Wohnungen erschlossen und in einem turmartigen, verglasten Hofeinbau finden sich gemeinschaftliche Nutzungen wie ein Waschsalon und eine Gemeinschaftsküche.

Schnittlösung
Speziell zu erläutern ist die Schnittlösung, weil hier Städtebau und Volumetrie, Erschliessung und Wohnform ineinandergreifen. Ausgangspunkt dieser Schnittlösung sind zweigeschossige Wohneinheiten in den obersten zwei Geschossen. Sie verfügen über einen Wohnbereich mit einer Raumhöhe von 5.00 Metern respektive einem grossen Luftraum, sodass die eingeschossigen Bereiche (Bad, Küche, Schlafgalerie) mit einer minimalen Raumhöhe von 2.30 Metern auskommen. Diese Kotierung erlaubt in den drei Regelgeschossen eine lichte Raumhöhe von 3.00 Metern sowie 4.50 Metern im Erdgeschoss am Boulevard Lilienthal.
Aus dieser Setzung resultieren zwei gänzlich verschiedene Wohnungstypen sowie eine plastisch kräftige, spezifische Gebäudegestalt mit einem Fassadenaufbau von 1/3/2 in der Vertikalen und den markanten zweigeschossigen «Zinnen» als Gebäudeabschluss. Schliesslich erlaubt diese Schnittlösung auch die aussenliegende Erschliessung nur bis ins vierte Obergeschoss zu führen, was ökonomisch sinnvoll ist und die bereits erwähnte Erweiterung des Hofraumes nach oben hin ergibt.

Grundrisse und Nutzungen
Im Erdgeschoss befindet sich eine zusammenhängende, frei unterteilbare Gewerbefläche mit rund 400 m2 entlang des Boulevard Lilienthal sowie 4 MIN-Wohneinheiten vom Typ1, 2 vom Typ MIN+ sowie 3 vom Typ MIN Atelier. Erschlossen werden sie über den Innenhof. Schliesslich werden zwei geschlossene Veloräume beim Zugang im Nordwesten und Nordosten angeboten. Der Hof wird geprägt durch verschiedene plastisch durchgearbeiteten Betonelemente, wir haben von einem «steinernen Garten» gesprochen.
In den drei Regelgeschossen N+1, N+2, N+3 befinden sich nach Süden, Westen und Norden orientiert MIN-Wohneinheiten vom Typ 1 mit jeweils 40 m2 Wohnfläche. Im Osten werden etwas grössere Wohnungen vom Typ MIN+ angeboten. Ebenfalls auf diesen Geschossen befinden sich drei MAX-Clusterwohnungen mit rund 180 m2. Aufgrund der raumneutralen Trag- und Medienstruktur können diese Wohnungen grundsätzlich überall auf den drei Regelgeschossen realisiert werden. Zudem gibt es im bereits erwähnten, verglasten «Turmeinbau» auf jedem Geschoss einen Raum für gemeinschaftliche Nutzungen mit je 30 m2 (Gemeinschaftsraum und zwei Waschsalons).
Im vierten Obergeschoss N+4 endet die Laubengangerschliessung mit den Eingängen zu den zweigeschossigen Dachwohnungen des MIN-Typ 2 mit jeweils 46 m2 (N+4/N+5). Da bei diesem Typ keine privaten Aussenräume angeboten werden, bestehen zwei gemeinschaftliche Terrassen: Die eine befindet sich auf dem Dach des «Turmeinbaus» im Hof, die andere mit Aussenkamin für den Grill in der südöstlichen Gebäudeecke mit Blick auf den Glattpark-See.

Wohnungen (MIN)
Das Projekt bietet im wesentlichen vier Wohnungstypen. Einzelne Eckwohnungen sowie der Typ MIN+ sind im Sinne von Abwandlungen dieser Typen auf die jeweilige Stelle modifiziert und weisen teilweise etwas mehr Wohnfläche auf. Für die MAX-Clusterwohnungen wurde ein Layout entwickelt, das flächenmässig vier MIN-Einheiten entspricht.
Der MIN-Typ 1 wurde vor dem Hintergrund der dritten These entwickelt: Ziel war es, aus der relativen Kompaktheit der Wohnfläche eine neue Qualität zu schaffen – die Wohnungen sollten auf keinen Fall als verkleinerte, konventionelle Wohnungen empfunden werden. Diese Qualitäten werden durch einen einfach geschnittenen, aber gut zonierten «Hallenraum» geschaffen, der über den Einbezug des Wintergartens mit weiteren 8 m2 sowie einer Raumhöhe von 3.00 m optische Weite besitzt. Verstärkt wird diese Raumwirkung durch innere Oberlichtbänder über Küche und Bad, sodass die Decke als durchlaufend erlebt wird und der Raum immer als Ganzes erfahrbar ist. Die Wohnungen haben in dieser Offenheit «Ateliercharakter» und eignen sich für verschiedene Nutzungsmuster und Mieterprofile.
Ähnlich, aber mit anderen Mitteln funktioniert der MIN-Typ 2. Bei diesem Wohnungstyp ist es der grosse, sich über die halbe Grundfläche öffnende Luftraum, welcher im Wohnbereich eine lichte Raumhöhe von 5.00 m schafft. Während im Typ 1 die horizontale Ausdehnung der Decke Raum erzeugt, macht im Typ 2 die grosse Höhe bei relativ knapper Breite den Raumcharakter aus. Verstärkt wird diese Wirkung durch das schmale, aber zweigeschossige Fenster der «Zinne».
Der MIN-Typ 3 ist ein Spezialfall, den es nur auf der Ostseite fünf Mal gibt und der aus den baurechtlichen Gegebenheiten dieser Seite resultiert. Dieser Typ bietet mit 55 m2 etwas mehr Wohnfläche. Durch die zweifache Rückstufung der Fassadenflucht ergeben sich auf beiden Niveaus private Aussenterrassen. Die Terrassentrennwände auf dem Niveau N+5 erzeugen darüber hinaus den spezifischen Gebäudeausdruck der Ostseite.

Wohnungen (MAX)
Das vorgeschlagene Layout für den MAX-Clusterwohnungstyp umfasst die Fläche von vier MIN-Typ 1-Einheiten. Die Clusterwohnungen ermöglichen ein gemeinschaftliches Wohnen mit Rückzugsmöglichkeiten für jeden Bewohner. Die privaten Bereiche umfassen einen gegliederten Wohn- und Schlafraum, einen kleinen Wintergarten sowie ein Bad. Der gemeinschaftliche Raum beschreibt wiederum einen Hallenraum, der durch eine mittig freistehende Küche gegliedert wird. Seitlich angelagert, in der Verlängerung des Laubengangs, befindet sich zudem ein grosser Wintergarten. Ergänzt wird der gemeinschaftliche Wohnraum durch ein Entrée mit Gästetoilette. Die Raumstruktur der Clusterwohnungen ist unabhängig von der primären Fassadenstruktur und lässt sich mit vergleichsweise geringem Aufwand in MIN-Einheiten umbauen.

Mitarbeiter Wettbewerb
Ron Edelaar, Elli Mosayebi, Christian Inderbitzin, Theres Hollenstein, Dominique Kühnhanss, Lukas Gschweitl

Mitarbeit Planung und Ausführung
Ron Edelaar, Elli Mosayebi, Christian Inderbitzin, Projektleitung: Theres Hollenstein, Alexandra Isele, Architekt: Charel Muller, Praktikanten: Moritz Leinhos, Isabella Mugavero, Patrick Zeller, Christina Chantzara

Totalunternehmer: Ralbau AG, St. Gallen
Landschaftsarchitekt: Lorenz Eugster Landschaftsarchitektur und Städtebau GmbH, Zürich
Ingenieur: Henauer Gugler Planer und Ingenieure AG, Zürich
Holzbauingenieur: Timbatec GmbH, Zürich
HLS-Planer: Gruenberg + Partner Planer und Ingenieure AG, Zürich
Elektroplaner: Gutknecht Elektroplanung AG, Au
Bauphysiker: Wichser Akustik & Bauphysik AG, Zürich

Publikation
Sonntagszeitung, 27.7.2014
www.hochparterre.ch, 14.5.2013

Auszeichnung
best architects 18