Wohnsiedlung Schwamendinger-Dreieck, Baufeld A
Zürich-Schwamendingen, 2014–
Projektwettbewerb, 2014, 1. Preis

Stadtraum und Quartier
Der von A. H. Steiner um 1948 als Gartenstadt entworfene Stadtteil Schwamendingen besitzt noch heute seine Gültigkeit und hat viel von seinem ursprünglichen Charakter als Zürichs «Gartenzimmer» behalten, der sich durch weitläufige Wohnquartiere mit zeilenförmigen Bauten von geringer Dichte und durchlässigen Aussenräumen auszeichnet. Infolge der anstehenden Erneuerung grosser Baufelder im gesamten Quartier stellt sich die Frage, ob und in welcher Art die bestehenden Qualitäten trotz der deutlich höheren Bebauungsdichte beibehalten werden können. Die Projektverfasser sind der Meinung, dass die Eigenarten des Steinerplans gerade heute einer zeitgemässen Wohnvorstellung entsprechen und weiterentwickelt werden können, sodass trotz der anstehenden Transformation die Qualität eines homogenen Stadtquartiers erhalten wird.
Die Qualität des Steinerplans liegt in seiner formalen Homogenität. Diese wird massgebend durch die repetitive und egalitäre Anwendung des Zeilenbautyps und durch einen kontinuierlich fliessenden Freiraum erreicht. Weitläufige Rasenflächen und oftmals feine Abstufungen der Nutzungsintensitäten und Öffentlichkeitsgrade prägen den Charakter des Freiraums. So wie bei den Häusern eine klare Ausformulierung von Strassen- oder Gartenfassaden unterspielt wird, werden im Freiraum explizit Ausformulierungen von Zugangs- und Gartenseiten oder von scharf determinierten Aussenraumtypen vermieden.
Der vorliegende Entwurf knüpft an den inhaltlichen und formalen Qualitäten des Steinerplans an. Die im Masterplan definierten Baufeldgrössen werden als sinnvolle Grösse einer „Baueinheit“ verstanden.

Baukörper und Aussenraum
Der Entwurf adaptiert den Zeilenbautyp formal neu. Die charakteristische Zeilenform reagiert über Enge und Weite im Aussenraum sowie in der Perspektive verkürzte Baukörper auf die höhere Dichte. In der egalitären Behandlung von Orientierung, Aussenraum und Strassenbezug sowie in der allseitigen Vernetzung und Durchwegung knüpft das Projekt an den Qualitäten des Steinerplanes an.
Das Projekt sieht sechs s-förmig geschwungene Zeilen, jeweils gespiegelt und paarweise gruppiert vor, die das gesamte Baufeld aufspannen. Zusammen mit den leichten Versätzen in den Bauzeilen erhalten die Bauten eine elegante, fein modulierte Gestalt. Eingeschossige Gewerbebauten an der Dübendorferstrasse verorten den Zeilenkopf zur Strasse. Die schlanken Zeilen (11.6 Meter) sind fünf Geschosse hoch und werden durch ein leicht vorspringendes, flach geneigtes Satteldach abgeschlossen.
Die ost-west-orientierten Bauten erzeugen modulierte Aussenräume unterschiedlicher Tiefe, welche sich von der Dübendorfstrasse bis in Zentrum des Schwamendinger-Dreiecks erstrecken. Sich in Gegenbewegung zur Gebäudezeile schwingende Wege führen zu einer räumlich spannungsvollen Erschliessung des Baufeldes. Das Wegnetz führt die vorhandene quartierstypische Sekundärerschliessung fort und gewährt eine allseitige Vernetzung. Das Wegnetz ist so angelegt, dass die Erschliessung der Hauseingänge ohne zusätzliche Stichwege auskommt und keine Rückseiten, weder im Aussenraum noch bei den Bauten, entstehen. Informell gehaltene Kiesflächen in den Weggabelungen verfestigen Begegnungsstellen und werden als Orte für unterschiedliche gemeinschaftliche Nutzungen vorgesehen. Das Bepflanzungskonzept sieht vor, an der Dübendorfstrasse die weiten Aussenraumstellen mit Buchen zu bepflanzen und in den schmalen Zwischenräumen Birkengruppen zu setzten. Zur Quartierswiese sollen Baumgruppen den Aussenraum fassen und zugleich mit dem Baumring der Wiese verbinden.

Häuser und Wohnungen
Der vorgeschlagene Wohnungstyp mit der abtrennbaren Wohnküche ist aus der städtebaulichen Setzung entwickelt und unterstreicht die Schlankheit der Gebäudezeilen. Er vereint die Qualitäten des Durchwohnens mit den praktischen Vorzügen einer abschliessbaren Küche. Die leichten Versätze in den Fassaden ermöglichen jeder Wohnung, neben der primären Ost- und Westorientierung auch einen Blick nach Norden und Süden in die Tiefe des Aussenraums und zu den angrenzenden Baufeldern.
Die Hauszugänge befinden sich an der Stirnseite und in der Mitte der Zeile. Von den Eingangshallen, wo sich Veloräume und Waschküchen befinden, gelangt man ins Treppenhaus, welches jeweils zwei Wohnungen pro Geschoss erschliesst. Alle Wohnungen haben durchgängige, zweiseitig orientierte Wohn-Essbereiche mit Sichtbezug in beide Aussenräume. Das Wohnzimmer mit den Balkonen liegt jeweils, alternierend in jeder Zeile, auf der Seite des weiteren Aussenraums.
Die grosszügige mit einem zusätzlichen Tisch möblierbare Küche ist vom Wohn-Esszimmer abtrennbar. Durch die Oblichter und die Glastüre wird jedoch eine räumliche Transparenz geschaffen. Der einfache Hallengrundriss ist trotz kleiner Wohnungsgrösse und der abtrennbaren Wohnküche grosszügig und verfügt über einen hohen Nutzwert, wobei insbesondere das geräumige Entrée und das grosse Bad an der Fassade zu erwähnen sind. Die vorgeschlagene Grundrisstypologie funktioniert bei allen Wohnungsgrössen optimal.
Am Zeilenende an der Roswiesen-Strasse – nahe bei der Tramhaltestelle – wird das altersgerechte Wohnen angeordnet. Am Zeilenkopf zur Quartierswiese, wo sich das Quartierszentrum befindet, und an der Dübendorfstrasse sind Ateliers und Gewerberäume vorgesehen.

Architektonischer Ausdruck und Materialisierung
Mit dem architektonischen Ausdruck werden, dem städtebaulichen Konzept folgend, die Themen der steinerschen Gartenstadt reflektiert. Die schlanken Gebäudekörper verfügen über ein feinmaschiges Fassadenkleid in dezenter Buntheit und schliessen mit einem dünnen, flach geneigten Dach ab.
Die elegant geschwungenen Gebäudekörper werden mit einem dünnen Fassadenkleid aus grünlasierten Faserzementplatten verkleidet, welche die Vertikale betonen und die Fassade rhythmisieren. Die geschosshohen Holzmetallfenster mit der asymmetrischen Kreuzteilung sind ochsenblutfarbig einbrennlackiert. Ausstellbare Aluminiumrolladen, ebenfalls rot einbrennlackiert, runden den Charakter eines städtischen Wohnhauses ab. Das mit Eternit belegte Satteldach und die Fallrohre aus Zinkblech verweisen auf die bestehenden Bauten und die im Ländlichen verorteten Referenzen der Steinerstadt.
Die Tragstruktur wird als konventioneller Massivbau in Ortbeton und Backstein erstellt. Die Fassade aus vorfabrizierten Holzelementen unterstreicht den Charakter der schlanken Bauten, verbessert die Grauenergiebilanz und hilft den Minergie-P-Standard zu erreichen. Das Satteldach wird als Kaltdach auf dem Massivbau erstellt. Die Materialien des Innenausbaus sind zweckmässig und robust (bspw. Parkett als Bodenbelag in den Wohnungen und Feinsteinzeug in der Küche). Bei der Konstruktion wurde auf eine weitgehende Systemtrennung geachtet, sodass Bauteile entsprechend ihrer Lebensdauer einfach ersetzt werden können (Trennung Fassade/Tragstruktur, durchgehende Schächte getrennt nach Sanitär und Lüftungsinstallationen).
Mit dem architektonischen Ausdruck wie auch der vorgeschlagenen städtebaulichen Setzung der neuen Siedlung werden die Themen der Gartenstadt Steiners aufgenommen und in einer zeitgemässen Architektur und Dichte weiterentwickelt. Sie verwebt sich in selbstverständlicher Art mit dem städtebaulichen Kontext und reflektiert in eigenständiger Weise die Themen der Gartenstadtidee.

Etappierung und Lärmschutz
Die neuen Baukörper sind so gesetzt, dass sich eine Etappierung – wie vorgesehen – zwischen der Parzelle 6187 im Westen und den Parzellen 3709 und 6188 im Osten anbietet. Aufgrund der Lärmschutzanforderung müssen die ersten beiden Loggien bei der Dübendorferstrasse als Lärmschutzloggia ausgebildet werden. Zusammen mit der Verbesserung aufgrund der seitlichen Exposition (Aspektwinkel) können die Lärmschutzanforderungen ohne spezielle Massnahmen eingehalten werden.

Mitarbeiter Wettbewerb
Peter Baumberger, Karin Stegmeier, Ron Edelaar, Elli Mosayebi, Christian Inderbitzin, Carolin Kubat, Lukas Burkhart

Mitarbeit Planung und Ausführung
Peter Baumberger, Karin Stegmeier, Ron Edelaar, Elli Mosayebi, Christian Inderbitzin, Projektleitung: Katrin Pfäffli, Julia Werlberger, Architekten: Phillip Türich, Carolin Kubat, Praktikant: Anna Schork

Zusammenarbeit
Baumberger & Stegmeier Architekten (BS+EMI Architektenpartner AG)

Landschaftsarchitekt: Hoffmann & Müller Landschaftsarchitektur GmbH, Zürich

Publikation
TEC21 45/2014
Wohnen, 10/2014