Das Weisse Haus
Männedorf, 2015–2017
Direktauftrag, 2015

Setzung und Volumetrie
Das Weisse Haus ist das Haus einer jungen Familie. Es liegt in Männedorf – auf mittlerer Höhe zwischen Zürichsee und Pfannenstielrücken –, an einer ruhigen Wohnstrasse mit bescheidenen Einfamilienhäusern der 1940er und 50er Jahre. Die Charakteristik der Grundstücksform besteht in einer Spreizung des Parzellenzuschnitts, die von der Kurve im Islerenweg herrührt: Das Hanggrundstück öffnet sich zum See sowie zu den Bergen. Der Entwurf nimmt mit einer Auffächerung der Räume Bezug auf diese Gegebenheiten und passt sich in das Grundstück und die Landschaft ein. Zur Strasse hin erscheint das Haus eingeschossig und wirkt dadurch zurückhaltend und bescheiden im Ausdruck.

Raum- und Wohnungskonzept
Das Haus verfügt über ein unteres, gartenbezogenes Geschoss und ein oberes mit Blick in die Ferne über den Zürichsee. Als Metaphern beschreiben die Begriffe Landschaft, Horizont und Himmel die Innenräume. Sie weisen auf beiden Geschossen unterschiedliche Raumhöhen auf und werden durch eine horizontal durchlaufende Geschossplatte getrennt – gewissermassen den Horizont des Hauses. Die Überhöhen im unteren Geschoss bestehen aufgrund von Höhenversätzen in der Bodenplatte. Über einzelne Stufen werden sie zu einer inneren Topografie oder eben Landschaft verbunden. Die Wohnräume des oberen Geschosses erhalten ihre Raumhöhen über die Ausbildung einer Dachsilhouette. Je nach Bedeutung des Raumes weisen sie unterschiedliche «Himmel» auf, was auch in den Materialisierungen der Decken seine Ausprägung findet. Türen und Fenster sind sehr unterschiedlich dimensioniert. Im Zusammenwirken mit den Raumhöhen und Lichtsituationen schaffen sie über teilweise extreme Grössenverhältnisse eine bewegte Räumlichkeit.
Das Haus wird bergseitig über eine Eingangshalle betreten, die Tageslicht über eine Oblichtkuppel erhält. Eine Garderobe mit Sitzfenster liegt ums Eck und ist nicht gleich beim Eintreten sichtbar. Die Erschliessung der Wohnräume erfolgt «radial», aus dem zentrierten Innern der Halle in die nach aussen gerichteten Raumkammern. Im oberen Geschoss wird diese Erschliessungsfigur durch eine zweite, «tangentiale» Bewegung zwischen den Wohnräumen überlagert. Sie bildet in der Enfilade zwei flache Diagonalen aus, die sich im zentralen Wohnraum verschneiden. Fluchtpunkt der beiden Diagonalen sind die landschaftlichen Fernbezüge über den beiden Terrassen auf der Südost- und Südwestseite. In der Überlagerung der beiden Bewegungsformen werden Rundläufe geschaffen, es gibt somit keine «gefangenen» Räume. Diese Qualitäten – aus dem Bedürfnis zwischen Offenheit und Intimität erwachsen – knüpfen an Konfigurationen in bürgerlichen Altbauwohnungen an. Die Räume können je nach Situation und Bedarf voneinander abgetrennt werden.
Die Haupträume sind in sich rechteckig, wobei die unregelmäßigen Winkel in den Durchgängen zwischen den Zimmern aufgenommen werden. In den dort entstandenen raumhaltigen Verdickungen können die Türen im offenen Zustand parkiert werden. Die Verdickungen nehmen zudem statische und funktionale Elemente wie Erdbebenwände und Einbauschränke auf. Die Wohnküche mit 2.75 m Raumhöhe bietet mit Aussicht, Abendsonne und einem zusätzlichen Fenster nach Westen einen Aufenthaltsort von hoher Qualität. Zudem gibt es Platz für einen Tisch, der als Arbeitsfläche oder zum Frühstücken dient. Der Wohnraum mit 3.25 m Raumhöhe und Kamin bildet durch die mittige Anordnung und Dimension den Schwerpunkt im Grundriss. Auch die Ausrichtung spielt sich frei von den übrigen Räumen. Das Zimmer hinter dem Cheminée kann unterschiedlich bespielt werden.
Eine im Entrée nordseitig liegende zweiläufige Treppe, die zum Garten- und Schlafgeschoss führt, erschliesst den privateren Wohnbereich. Die Treppe und der untere Vorraum werden über eine hohe, opake Verglasung Richtung Garage belichtet. Von dieser kann das Haus auch direkt über einen sekundären Hauseingang via Zwischenpodest betreten werden.
Die Schlafräume befinden sich im Gartengeschoss, wobei die Hauptschlafräume situativ ein Hochparterre erhalten. Das Gartenzimmer ist überhoch und hat einen direkten, ebenerdigen Zugang zur Gartenterrasse. Das Elternzimmer liegt in Verbindung zum Gartenzimmer; diese sind um zwei Stufen zueinander versetzt. Eine Ankleide liegt im Rücken des Schlafzimmers.

Aussenräume und Garten
Das Projekt bietet unterschiedlich nutzbare Gartenräume sowie zwei Terrassen. Die südwestliche Terrasse, zwischen Küche und Esszimmer, bezieht ihre Qualitäten aus der Präsenz des Sees und profitiert von der Abendsonne. Die südöstliche Terrasse bildet die Erweiterung des Wohnraumes und bietet Sicht auf Wald und Berge.
Ein Sitzplatz im Gartengeschoss mit Plattenbelag befindet sich vor dem Gartenzimmer. Unter der Terrasse ergibt sich die Möglichkeit eines gedeckten Sitzplatzes. Von der Terrasse führt eine Treppe zum Gartensitzplatz.
Einzelne Laubbäume am Islerenweg sowie im Süden spannen um das Haus die Aussenräume auf. Die Muschelzypresse sowie die Zypresse im Osten wurden erhalten.

Mitarbeit Planung und Ausführung
Ron Edelaar, Elli Mosayebi, Christian Inderbitzin, Projektleitung: Ramin Mosayebi, Michael Reiterer, Bauleitung: Roman Brühwiler, Architektin: Sandra Schilling, Praktikanten: Jacub Gondorowicz, Hannah Räsch

Bauherrschaft
privat

Fotograf
Roland Bernath

Publikation
Das Beste Einfamilienhaus, Archithema Verlag 2018
Sonntagszeitung, 18.2.2018
Das Ideale Heim, 12/2017